Genetik

 Vererbung Zufall mit System

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Verzeichnis:

Teil 11

Schauen wir uns zunächst die beiden neuen Tabellen an und rekapitulieren ein wenig. Die Tabelle 1 unterscheidet sich von der aus Teil 9 nur wenig. Die ganzen Agoutis fehlen, aber die haben ja eine eigene Tabelle bekommen.
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Die Genotypen der Non-Agoutis sind um die Platzhalter für die Allele des Tabbygens erweitert wor-den, aber eingetragen ist dort außer einer Menge Gedankenstriche nichts. Warum wohl? Weil bei den Non-Agoutis die zweifellos vorhandene Tabby-Zeichnung höchstens als Geisterzeichnung bei Jungtieren sichtbar ist, alle Erwachsenen sind einfarbig. Anders herum ausgedrückt, Sie können einem Erwachsenen Tier nicht ansehen, welche Allelenkombination aus der Tabby-Serie unter seinem Pelz versteckt ist. Aber bei den Babys kommt das Tabby-Muster als Geisterzeichnung ganz deutlich zum Vorschein, das ist kein Fehler, das muß so sein. Wenn Sie nun aus mehreren Würfen von den gleichen Eltern immer das gleiche Tabby-Muster haben, dann können Sie den Tabby-Genotyp der Nachkommen festlegen und den Tabby-Genotyp der Eltern zumindest einengen. Gehen Sie dabei ganz streng nach den Mendel'schen Regeln vor. Ist die Geisterzeichnung immer Mackerel, dann spricht einiges dafür, daß sowohl alle Babys wie auch beide Eltern homozygot für Mackerel sind (T/T). Taucht Mackerel dagegen nur sehr häufig im Vergleich zu Classic auf, dann können wir höchstens darauf schließen, daß vielleicht ein Elternteil homozygot ist. Welcher das ist, wie der andere Elternteil aussieht und was für einen Genotyp die Babies haben, das können wir allerdings nicht näher definieren. Außer natürlich bei den Babys mit blotched-Geisterzeichnung, die müssen homozygot (tb/tb) sein.

Die häufigsten Geisterzeichnungen sind Mackerel und Spotted, was auf ihre starke natürliche Präsens hinweist. Aber die getupften (spotted) haben wir ja noch gar nicht besprochen, die kommen aber gleich im Anschluß an die 2. Tabelle.

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Diese Genotypen-Tabelle wurde durch die Tabby-Serie um eine ganze Reihe neuer Varianten erweitert. Natürlich gibt es auch hier die Fälle, wo einem Phänotyp mehrere Genotypen zugrunde liegen, das ist für uns nichts Neues. Interessant ist die Tatsache, daß offensichtlich bestimmte Genotypen zu verschiedenen Phänotypen führen können. Immer die Reihe Tabby-Shaded-Chinchilla hat den gleichen Genotyp, dabei sind das doch alles recht unterschiedlich aussehende Katzen. Mit unserem bereits in genetischen Dingen geübten Verstand schließen wir daraus, daß dem nur ein nicht unerheblicher Einfluß von Polygenen zugrunde liegen kann. Und wo bleiben die schon so oft erwähnten "Spotted"? Ganz einfach, da brauchen wir nicht einmal unsere Tabelle 2 zu erweitern, die "Spotted" haben den gleichen Genotyp wie die entsprechenden Tabby-Varianten. Sie werden sehen, daß eine so starke, ja geradezu wildtypische Veranlagung wie "Spotted" nicht einmal ein einzelnes diskretes Gen oder Allel braucht, um sich in der Evolution durchzusetzen. Auch polygen gesteuerte Merkmale können über Jahrtausende und Jahrmillionen stabil bleiben. Lassen wir diese Aussage zunächst in dieser allgemeinen Form stehen und sammeln erst einmal, was wir über die getupften Katzen und deren Zucht wissen. Dann können wir ja unsere Schlüsse daraus ziehen.

Allele T und Tb = spotted-tabby oder getupft

Wie sehen denn unsere heutigen getupften Katzen aus? Auf jeden Fall ist die Tupfung nicht einheitlich. Es gibt alle Übergänge von kurzen Streifen zu größeren Tupfen und kleineren Tupfen (Forellentüpfelung), die alle an aufgebrochene Streifen erinnern. Dann noch weit auseinanderliegende runde Tupfen, die entfernt eine Herkunft aus aufgebrochener classic-tabby-Zeichnung erahnen lassen. Die bekanntesten getupften Rassen sind:

  • Britisch Kurzhaar (BKH) in allen Tabby-Farben.
  • orientalischer Typ, aber gedrungener und schwerer.
  • Ocicat:
    Hybride aus einem chocolate-point Siamkater und einer getüpfelten Siam/Abessinier-Mischlingskatze gezogen in den Farben chocolate oder chestnut (b/b oder b/b
    l) und hellbraun oder cinnamon (bl/bl)
    • nordamerikanische Egyptian Mau:
      ebenfalls eine Hybride in allen Farben. Interessant ist, daß dort die bronce Egyptian Mau eigentlich chocolate (b/b) ist, während die echten Egyptian Mau allesamt genetisch schwarz (B/B) sind, auch die sog. broncene, hier bezieht sich die Farbbezeichnung wieder, wie bei den Tabbys, auf die Agouti-Grundfarbe.
    • Oriental-Spotted-Tabby:
      der Name wurde kreiert, um die getupften orientalisch Kurzhaar von den nordamerikanischen Egyptian Mau zu unterscheiden. Die Katzen stammen ursprünglich aus Kreuzungen zwischen Mischlings-Tabbys und Siamesen oder Havanna und tabby-point-Siamesen und werden bevorzugt in den Farben blue, chocolate, cinnamon, lilac und creme ausgestellt.
  • Egyptian Mau
    Die Egyptian Mau ist die einzige Rasse getupfter Katzen orientalischen Typs, die sich natürlich entwickelt hat und somit die einzige domestizierte Form gefleckter Katzen. Daher muß es das Zuchtziel sein, zum Original oder wenigstens zu einer der ersten Hauskatzen zurückzukehren, so wie sie sich vor rund 3500 Jahren von den Ägyptern in die Wohngemeinschaft hat aufnehmen lassen. "Mau" bedeutet in altägyptisch einfach "Katze", Egyptian Mau bedeutet daher nichts anderes als "ägyptische Katze". Es werden nur die folgenden vier typischen Farben gezüchtet:
    silver ((black)silver-mackerel-spotted) = holzkohleschwarze Tupfen auf silberweißem Untergrund
    bronce ((black)-mackerel-spotted) = tiefdunkelbraune Tupfen auf honigbroncefarbenem Agouti-Untergrund
    (black)smoke = pechschwarze Tupfen auf dunkelgrauem Untergrund mit silbrig-weißem Unterfell
    black = die Tupfen sind nur bei schräger Beleuchtung oder im Sonnenlicht als Geisterzeichnung sichtbar, ähnlich wie beim Panther, dem schwarzen Leopard.

Da sie sozusagen den Wildtyp der getupften Hauskatzen darstellt, übernehmen wir ihr Erscheinungsbild als Vorbild für die spotted oder genauer mackerel-spotted. Die allgemeinen Merkmale der Mackerel-Zeichnung gelten auch hier, bis auf folgende Ausnahmen:

  • die Halsketten sind vorne unterbrochen (nicht bei anderen Spotted-Rasse
    • die Ringe an den Beinen und am Schwanz können unterbrochen sein oder sind sogar in Tupfen aufgelöst
    • der oder die Aalstriche sind bis zu den Hüften zumindest in verlängerte Tupfen aufgelöst (bei anderen Spotteds mindestens bis zur Körpermitte)
    • die Mackerel-Streifen sind vollständig in Tupfen aufgelöst, sie müssen auf den beiden Flanken jedoch nicht identisch gezeichnet sein

Bleiben wir bei der Zeichnung und deren Genetik. Bei den anderen getupften Rassen gibt es alle möglichen Übergänge zwischen Mackerel, unterbrochenem Mackerel (kurze Streifen) und Tupfen. Überhaupt zeigt Mackerel immer eine natürliche Tendenz aufzubrechen. Des weiteren gibt es große Unterschiede zwischen Form, Größe und Abstand der Tupfen (Vergleiche Mau und Ocicat). Diese Tatsachen lassen darauf schließen, daß es sich hier nicht um ein weiteres mutiertes Allel des Tabbygens handelt. Gute getupfte Katzen, egal welcher Rasse, erreicht man nur durch konsequente Linienzucht. Das haben wir doch schon einmal gehört. Richtig! Polygen veranlagte Merkmale werden durch Linienzucht stabilisiert. Aber es könnte auch ein unabhängiges Gen (Sp für spotted) sein das in homozygoter Form (Sp/Sp oder sp/sp) epistatisch das Aufbrechen der beiden Tabby-Varianten "mackerel" und "classic" bewirkt. Denn die Reinhaltung von Homozygotien, insbesondere der rezessiven Form, bedarf ebenso der Linienzucht. Aber da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Für uns bleibt nur die Tatsache, daß spotted genetisch entweder Mackerel-Tabby oder Classic-Tabby ist, wobei die Streifen oder Bänder entweder polygenetisch oder epistatisch durch eine bestimmte Allelenkombination eines unabhängigen Gens zu Tupfen unterschiedlicher Form und Größe aufgebrochen werden.

Interessant ist, daß die deutlicher getupften Katzen immer zur Silber-Gruppe gehören, also den Melanin-Inhibitor (I) tragen. Ich habe schon beschrieben, daß der Farbstoffeinbau durch dieses Allel besonders stark in den weniger pigmentierten Bereichen behindert wird, nämlich im Agouti-Untergrund zwischen den Streifen und dort, wo die Streifen bereits aufgebrochen sind oder gerade aufbrechen. Die natürliche Neigung der Mackerel-Streifen, in Punkte aufzureißen, wird durch die übergreifende Wirkung des Inhibitor-Allels akzentuiert. Der Einfluß von Polygenen oder die epistatische Wirkung eines hypothetischen Spotted-Gens potenziert diesen Effekt, daher zeigen silberne Spotted-Varianten (wie z.B. chocolatesilver-mackerel-spotted) einen deutlich höheren Kontrast als nicht-silberne Farben (wie z.B. (black-)mackerel-spotted). Das zeigt uns aber auch, daß es sich nicht um ein "Spotted-Allel" des Tabby-Gens handeln kann, sondern daß ein weiterer unabhängiger Einfluß vorliegen muß. Ob dieser polygener oder epistatischer Natur ist, diese Frage müssen leider im Augenblick noch offen lassen.

Fazit für uns: Nichts Genaues weiß man nicht! Wir können jetzt nur festhalten, daß die Spotted-Varianten genau den gleichen Genotyp haben wie die entsprechenden Tabby-Varianten. Wir brauchen also keine neue Tabelle, sondern wir ersetzen in Tabelle 2 lediglich "-tabby" durch "-spotted". Das ist zwar als Ergebnis für die vorliegende gründliche Auseinandersetzung mit dem Kapitel "getupfte Katzen" nicht besonders befriedigend, aber es funktioniert.

Das nächste Mal kommen endlich die schon mehrfach angekündigten "Roten". Das wird zwar auch nicht einfacher werden, aber im Ergebnis sicher befriedigender, weil man über den genetischen Hintergrund eindeutigere Aussagen machen kann. Dann gibt’s auch wieder eine neue Tabelle mit vielen neuen Genotypen

 

Teil 12

Fangen wir mit einem "Blick zurück" an, aber hoffentlich nicht "im Zorn". Bei der Durchsicht meines Manuskriptes vom Teil 9 habe ich noch einen Fehler gefunden, leider zu spät, um ihn korrigieren zu können. Aber mein Versehen ist so offensichtlich, daß mit Sicherheit jeder darauf gestoßen ist. Hier die Korrektur, nur der guten Ordnung halber: Bei den Smokes habe ich behauptet, daß die Tips 1/3 der Haarlänge ausmachen und das als "starkes Tipping" bezeichnet. Bei den Shaded habe ich genau dieselbe Behauptung aufgestellt und das "mittleres Tipping" genannt. Wo ist da der Unterschied? Sie haben recht, richtig ist, daß bei den Smokes die Tips 2/3 und bei den Shaded etwa 1/3 der Haarlänge ausmachen. Außerdem ist mir noch etwas aufgefallen: Bei den Shaded und Chinchilla habe ich, wie viele andere Autoren auch, den Fehler gemacht, Tautologien zu verwenden. Ich habe also den gleichen Sachverhalt mit synonymen Wörtern mehrfach aneinandergereiht. Die Begriffe Shaded und Chinchilla beinhalten definitionsgemäß, daß es sich hierbei um eine "Silber"- oder besser Tipped-Variante handelt. Daher ist z.B. blue-silver-shaded oder blue-silver-chinchilla "doppelt gemoppelt", weil das "Silber" zweimal in dem Wort steckt. Blue-shaded oder blue-chinchilla reicht völlig aus. Der Fehler hat sich leider bis in Teil 11, Tabelle 2 fortgesetzt. Aber Sie brauchen nicht alles auszubessern. Nach der Besprechung der "Roten" gibt es neue Tabellen, und dort sind zumindest diese Fehler ausgemerzt.

Im Teil 10 sind Ihnen sicher zwei Dinge aufgefallen. Zum einen habe ich die Tabbys den "Roten" mit dem Orange-Gen vorgezogen und damit die alphabetische Reihenfolge der Besprechung verlassen. Zum anderen hat der Druckfehlerteufel wie verrückt zugeschlagen, einige gravierende Fehler eingebaut und unter anderem auch die Erklärung für die Änderung der Reihenfolge verschluckt. Hier also der verlorengegangene Text:
"Jetzt würden die "Roten" mit dem Orange-Gen kommen, dann das Scheckungsgen, dann die Tabby-Serie und dann... Doch halt! Über die Tabbies haben wir im Zusammenhang mit den anderen schon besprochen Farben immer wieder etwas gehört, sind aber auf später vertröstet worden. Und daß die "Roten" immer Tabbys sind, egal ob Agouti oder non-Agouti, das wissen wir auch schon. Da ist es doch sicher auch in Ihrem Interesse, wenn wir den gestrengen Pfad des Alphabets verlassen und diese Besprechungsfolge ins Auge fassen: Zuerst die Tabby-Serie (T), weil wir von der schon einiges gehört haben. Dann die ohne Ausnahme tabby-gezeichneten Roten mit dem Orange-Gen (O). Den Schluß der Farb-Gene bilden Scheckung (S) und epistatisches Weiß (W)."

Nun zu den einzelnen Druckfehlern, die Sie am besten in Ihrem Heft ausbessern, dann wird Ihnen vieles sicher sofort verständlicher:

Seite 20, erster Absatz: Das Stadtviertel von Bagdad heißt natürlich nicht Al'stambiya, sondern Al'a-tambiya.
Seite 21, 3. Spalte, 1. Überschrift: ALLEL tb = BLOTCHED- ODER CLASSIC-TABBY.
Seite 21, 3. Spalte, vorletzter Absatz: Das "Allel tb" wird richtig tb geschrieben und die zwei Genotypen für mackerel-tabby heißen nicht (I/T) und Z/Tb), sondern (T/T) und (T/tb).
Seite 21, 3. Spalte, letzter Absatz: Die Rasse heißt nicht Singapure, sondern Singapura.
Seite 22, 1. Spalte, 2. Absatz: Der zweite Genotyp des heterozygoten Abessiniers ist nicht (Ta/tb), sondern (Ta/tb).
Seite 22, 1. Spalte unten: Das Ta-Allel schreibt sich natürlich Ta und im letzten Satz in dieser Spalte fehlt ein ganzer Satzteil. Es muß richtig heißen: "Auch die einfarbigen Katzen sind genetisch Tabbies, wie doch wohl jetzt hinreichend klar geworden ist, und jede Tabby-Zeichnung ist eine sehr stark manifestierte ursprüngliche Zeichnung, vielleicht die ursprünglichste Zeichnung überhaupt."

Allel ox = nicht orange

Dieses Allel bewirkt eigentlich gar nichts, so als ob es gar nicht da wäre oder als ob das Orange-Gen gar nicht existieren würde. Alle Farben und Zeichnungen werden so ausgeprägt, wie wir es bereits besprochen haben oder noch besprechen werden. Die Kleinschreibung bedeutet hier nicht, daß das Allel (ox) rezessiv gegenüber dem Allel (Ox) ist, sondern dient lediglich dazu, die beiden zu unterscheiden. Das Pikante daran ist, daß es sich bei dem wildtyp-Allel ox zunächst gar nicht um das Allel eines eigenständigen Farbgens handelt. Das sog. "Orange-Gen" ist nur ein kleines Puzzleteilchen aus einer Reihe von Polygenen, die für den schrittweisen Aufbau des Farbstoffes Melanin verantwortlich sind.

Erinnern wir uns an das B-Gen und das C-Gen. Die Fellfarbe wird durch einen Komplex aus Melanin und einem bestimmten Eiweiß verursacht. Die mutierten Allele des B-Gens beeinflussen die Komplexbildung, die mutierten Allele des C-Gens bestimmen die Verteilung der Farbpartikel in der Zelle (cb, cs) bis hin zum kom¬pletten Ausfall der Melaninbildung (ca, c). Keines der beiden Gene beeinflußt einzelne Syntheseschritte der Melaninkomponente selbst. Und das O-Gen mit dem Wildtypallel ox ist nur eines von vielen Genen, die die Bildung des Melanins steuern.

Das Orange-Gen (Allele: Ox, ox)

Jetzt geht es endlich los mit den "Roten". Für die Ausprägung aller rötlichen Farbtöne ist das Orange-Gen verantwortlich. Schon die Schreibweise der Allele deutet darauf hin, daß es sich bei diesem Gen um etwas Besonderes handelt. Der Exponent x soll darauf hinweisen, daß dieses Gen einzig und allein auf dem X-Chromosom zu finden ist. Das X-Chromosom gehört zu den Heterosomen oder Geschlechtschromosomen, die sich von den Autosomen, also allen übrigen Chromosomen, unterscheiden. Wegen ihres besonderen Verhaltens in der Meiose (siehe dort) und wegen der besonderen Verteilung der Heterosomen in den Geschlechtern (siehe dort) ist die Vererbung der roten Fellfarbe an das Geschlecht der Eltern und der Nachkommen gebunden. Es handelt sich also um einen geschlechtsgebundenen Erbgang, aber dazu später mehr. Befassen wir uns zunächst mit der einfacher zu erklärenden Wirkung der beiden Allele auf den Phänotyp.

Allel ox= nicht orange

Dieses Allel bewirkt eigentlich gar nichts, so als ob es gar nicht da wäre oder als ob das Orange-Gen gar nicht existieren würde. Alle Farben und Zeichnungen werden so ausgeprägt, wie wir es bereits besprochen haben oder noch besprechen werden. Die Kleinschreibung bedeutet hier nicht, daß das Allel (ox) rezessiv gegenüber dem Allel (Ox) ist, sondern dient lediglich dazu, die beiden zu unterscheiden. Das Pikante daran ist, daß es sich bei dem wildtyp-Allel ox zunächst gar nicht um das Allel eines eigenständigen Farbgens handelt. Das sog. "Orange-Gen" ist nur ein kleines Puzzleteilchen aus einer Reihe von Polygenen, die für den schrittweisen Aufbau des Farbstoffes Melanin verantwortlich sind.

Erinnern wir uns an das B-Gen und das C-Gen. Die Fellfarbe wird durch einen Komplex aus Melanin und einem bestimmten Eiweiß verursacht. Die mutierten Allele des B-Gens beeinflussen die Komplexbildung, die mutierten Allele des C-Gens bestimmen die Verteilung der Farbpartikel in der Zelle (cb, cs) bis hin zum kompletten Ausfall der Melaninbildung (ca, c). Keines der beiden Gene beeinflußt einzelne Syntheseschritte der Melaninkomponente selbst. Und das O-Gen mit dem Wildtypallel ox ist nur eines von vielen Genen, die die Bildung des Melanins steuern.

Allel Ox = orange

Die Mutation eines Gens aus den Polygenen, die für die Farbstoffbildung verantwortlich sind, hat zu einer Veränderung der Farbstoffqualität geführt. Statt dem Melanin wird nun das Phäomelanin gebil-det, welches zusammen mit der unveränderten Eiweißkomponente einen rötlichen Farbeindruck hervorruft. Da die Vererbung den Mendel'schen Regeln für geschlechtsgebundene Erbgänge folgt, wurde das Orange-Gen aus dem Pool der Polygene herausgehoben und als auf dem X-Chromosom liegend identifiziert.

Die "rote" Farbe variiert von hellgelb bis tief-orange, was darauf hinweist, daß neben dem Orange-Gen noch eine ganze Reihe von nicht einzeln zu identifizierenden Polygenen an der Rotfärbung betei-ligt sind. Man nennt dieses Polygensystem auch Rufus-System (von rufus=rothaarig) und Rufismus heißt dementsprechend nichts anderes als Rothaarigkeit. Da das Ox-Allel das Melanin direkt verändert, ist es, wenn es denn aktiv ist (diese Einschränkung wird später erklärt), epistatisch über das B-Gen, dessen Allele ja von normalem Melanin abhängig sind. Folglich sind alle Katzen mit einem Ox-Allel rothaarig. Und sie sind noch etwas, nämlich tabby-gezeichnet, denn das Ox-Allel ist auch noch epistatisch über das Agouti-Gen. Daher wurde Orange früher fälschlich als Allel des Agouti-Gens angesehen. Und weil rote Kater sehr viel häufiger sind als rote Katzen, wurde Orange auch noch mit dem y-Chromosom in Verbindung gebracht. Die daraus abgeleitete alte Bezeichnung ay für das Orange-Allel hat sich leider bis heute in manchen Veröffentlichungen gehalten. Sie sehen, wie leicht man bei der genotypischen Interpretation von Phänotypen aufs Glatteis geraten kann.

Halten wir fest: Alle rothaarigen Katzen tragen eine mehr oder weniger deutliche Tabby-Zeichnung, egal ob sie genetisch Agouti oder non-Agouti sind. Auch die übrigen Agouti-Merkmale helfen uns da leider nicht weiter. Der rote Nasenspiegel soll in der genetischen Farbe (=rot) umrandet sein. Fußballen und Sohlenstreifen sollen die genetische Farbe (=rot) tragen. Bei so viel rot in rot, wie soll man da etwas erkennen. Höchstens ein deutlich heller gefärbtes Kinn kann, wenn auch wenig verläßlich, auf ein Agouti-Tier hinweisen. Auf jeden Fall sind die Haare der Roten in den Bereichen der Grundfarbe in der typischen Agouti-Art gebändert: heller Haargrund, orange Band, gelbes Agouti-Band, orange Spitze. Bei den Haaren der Zeichnung entfällt natürlich auch hier die Bänderung, sie sind bis auf den etwas helleren Haargrund kräftig orange durchgefärbt. Die Grundfarbe erscheint also nur wegen des gelben Agouti-Bandes heller. Der Tatsache, daß Orange nur zusammen mit einer Tabby-Zeichnung auftreten kann, ist es zuzuschreiben, daß die Mutation (Ox ) in der Evolution nicht untergegangen ist. Nur durch die Tabby-Zeichnung kann das sehr auffällige Orange wieder zur Tarnfarbe werden.

Und wo kommen nun die einfarbigen roten Katzen her, die man ja auf vielen Ausstellungen bewundern kann. Solche Tiere sehen leider nur "einfarbig" aus, sind es aber nicht, zumindest nicht aus genetischer Sicht. Auch alle "solid-red" sind genetisch Tabbykatzen. Um die Solid-Red künstlich herzustellen hat man sich zunutze gemacht, daß bei den Classic-Tabbies (tb/tb) die dunkel-orange Zeichnung große Teile des Agouti-Untergrundes überdeckt. Durch strenge Linienzucht ist es gelungen, die beteiligten Polygene (siehe: spotted-tabby) dahingehend zu beeinflussen, daß sich die dunkel-orange Zeichnung immer mehr ausdehnt, bis sie nahezu den gesamten Körper überdeckt und die Agouti-Flächen auf ein Minimum reduziert sind. Dies gelingt natürlich bei den langhaarigen Katzen besonders gut, da die Reste der Stromungszeichnung bis zur Unkenntlichkeit verwischt werden. Flugs hat man dann den dazu passenden Rassestandard entwickelt und wieder übersehen, daß jede Rote eine Tabbykatze ist und bleibt und daß die Zusammensetzung der Polygen-Ausstattung sehr instabil ist. "Solid-red" ist also keine einfache Zuchtfarbe wie z.B. blau, sondern von vielen Faktoren abhängig. Es ist daher aus genetischer Sicht nahezu unmöglich, die Roten in einen so schlichten Farbstandard zu pressen, der schlichtweg die Grundlagen der Vererbung von Orange ignoriert.

Jetzt sind wir genug vorbereitet für eine Tabelle der roten Genotypen. Die vielen Gedankenstriche erklären sich aus der Epistasie des Orange-Allels über das Agouti-Allel und über das B-Gen. Aber eine Besonderheit muß ich vorab erklären, nämlich die Allelenkombination (O/(O)). Bei Katzen, die ja über zwei X-Chromosomen als Geschlechtschromosomen verfügen, also zwei Genorte für das O-Gen haben, muß also unbedingt das in Klammern gesetzte zweite Allel stehen. Bei Katern, die normalerweise nur ein X-Chromosom, also nur einen Genort für das O-Gen haben, entfällt das in Klammern gesetzte zweite Allel. Das Y-Chromosom als zweites Geschlechtschromosom trägt ja außer den Geschlechtsrealisatoren keine Gene. Deshalb bezeichnet man Katzen mit (O/O) als homozygot, was mit "gleichallelig" übersetzen könnte. Kater mit (O/y) dagegen werden hemizygot genannt, was sich sehr frei mit "halballelig" übertragen ließe. Jedenfalls soll damit gesagt werden, daß Kater bezüglich der Gene auf dem X-Chromosom jeweils nur mit einem Allel pro Gen auskommen müssen, also der halben Allelenausstattung gegenüber einem Gen auf einem Autosom.

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Wie Sie sehen, sind C-Gen, D-Gen, Dm-Gen und I-Gen voll wirksam und führen zu anerkannten Farbschlägen. Das Tabbygen ist im Zusammenhang mit Orange natürlich besonders wichtig, da ja alle Roten auch zugleich Tabbys sind. Bei den einfarbigen Points und bei den Burmesen steht nur deshalb a/a in der Agouti-Spalte, weil sie zweckmäßigerweise über non-Agoutis gezüchtet werden.

Die Chinchilla heißen bei den roten Katzen "-shell". Cameo bedeutet red-silver. Deshalb sind solche Wortungetüme wie red-shaded-cameo unsinnig, weil sich bei genauer Betrachtung daraus das noch größere und noch unsinnigere Ungetüm "red-silvershaded-redsilver" ableiten ließe. Leider geistern neben der genannten auch noch die Farbbezeichnungen creme-shaded-cameo, red-shell-cameo und creme-shaded-cameo durch viele Genetikartikel. Dabei genügen red-shaded, (red-)shell, creme-shaded und creme-shell vollkommen.

Zu den Augenfarben ist zu sagen, daß das Orange-Gen wohl keinen Einfluß auf die Pigmentierung der Iris hat. Bei den meisten roten Katzen wird ein intensives Gelb bis hin zum leuchtenden Kupfer bevorzugt. Die Orientalen haben natürlich nach wie vor auch im roten Fellkleid grüne Augen und die Point-Katzen warten wie gehabt mit einem intensiven Blau auf.

Hier noch einmal zum Vergleich die beiden doch recht schwer zu unterscheidenden "roten" Abessi-nier:

(echter) roter Abessinier -/- , -/- , C/- , D/- , -/- , i/i ,O/(O), Ta/-
sorrel Abessinier A/- , bl/bl, C/- , D/- , -/- , i/i ,o/(o), Ta/-

Beim sorrel-Abessinier soll die Grundfarbe ein kupferrot sein, mit bräunlichem Ticking und hellbrauner Zeichnung. Beim roten Abessinier wird die Grundfarbe als leuchtend rot beschrieben und das Ticking ist orange. Wenn Sie den beigefarbenen mit dem creme Abessinier genetisch vergleichen wollen, brauchen Sie jeweils nur (D/-) durch (d/d) zu ersetzen.

Was jetzt noch fehlt, sind die beiden Albino-Allele (ca und c) des C-Gens. Das ist einfach: Orange ist wie alle anderen Farbgene hyposta¬tisch gegenüber beiden Albino-Genotypen. Also weiß bleibt weiß, (ca/ca) bzw. (ca/c) mit blauen Augen und (c/c) mit roten Augen. Auch zum dritten Weiß, dem dominanten Weiß verhält sich Orange hypostatisch. Aber bitte verwechseln Sie trotz ähnlicher Wirkung Albinismus nicht mit dem dominanten Weiß oder Leuzismus. Beim Albino wird die Melaninsynthese durch eine Funktionsstörung oder das Fehlen eines Enzyms entweder nur in der Haut oder aber in der Haut und der Iris blockiert. Beim Leuzismus sind durch eine Fehlentwicklung in der frühembryonalen Phase gar keine melaninbildenden Zellen in der Haut vorhanden, wohl aber in der Iris, Deshalb die blauen Augen.

So, das war ein schönes Stück Arbeit. Und weil es mit den Schildpatt-Katzen oder den dreifarbigen Glückskatzen unglücklicherweise auch nicht leichter wird, besprechen wir die das nächste Mal.

 

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